Depression und Affektive Störungen
Modell nach Hautzinger
Aufgrund ähnlicher Untersuchungen kommen Hautzinger (1991) und Lewinsohn (1985) zu einem Modell, das die aktuelle psychologische Theoriebildung depressiver Erkrankungen repräsentiert:
A: Vorausgehende Bedingungen sind definiert als Ereignisse, die das Wiederauftreten einer Depression erhöhen oder die Entwicklung einer depressiven Erkrankung einleiten können. Dies sind „stressreiche oder kritische Lebensereignisse", besonders im Bereich enger Sozialbeziehungen.
B: Die auslösenden Bedingungen starten den Prozess der Depressionsentwicklung insofern, dass sie unmittelbare Unterbrechungen oder Störungen (z.B. automatisierter Abläufe) produzieren, spontane, aber noch wenig differenzierte affektive Reaktionen hervorrufen und damit Gedächtnisprozesse aktivieren, die zusätzlich belastende Erinnerungen hervorbringen.
C: Ein Zustand zunehmender Selbstaufmerksamkeit bzw. der Handlungs- oder Lageorientierung kann entweder Bewältigungsmechanismen aktivieren oder, in der Mehrzahl der Fälle durch den internationalen Fokus zur selbstkritischen Betrachtung der eigenen Person und Lage und damit zur weiteren Blockierung von Verhaltensabläufen und zur Intensivierung handlungsbehindernder Emotionen beitragen.
D: Sowohl die aversiven Umstände (A), als auch die zunehmende Selbstaufmerksamkeit (C) vermehren unangenehme Lebensaspekte (Zunahme aversiver Bedingungen) und führen zur Abnahme positiver Erfahrungen.
E: Diese Einflüsse intensivieren die affektiven Reaktionen hin zu dysphorischen Stimmungen.
F: Die depressive Verstimmung mündet dann unter Beibehaltung zunehmender Lageorientierung, sowie aufgrund der vermehrten aversiven und reduzierten positiven Erfahrungen und anwachsender Selbstkritik in die kognitiven, emotionalen, motivationalen, somatischen, interaktiven und motorischen Verhaltensaspekte einer Depression.
G: Liegen bestimmte Anfälligkeiten (Vulnerabilitäten) vor, wie z. B. eine Vorgeschichte an depressiven Erkrankungen, weibliches Geschlecht, abhängige oder zwanghafte, rigide Persönlichkeitszüge, Mangel an Fertigkeiten, ungünstige familiäre Erfahrungen, Sozialisationseinflüsse (Verlusterfahrungen) und dysfunktionale Grundannahmen (negative Attributionsmuster), so kann dieser Ablauf beschleunigt, verstärkt und in Form eines „Teufelskreises" intensiviert werden. In gleicher Weise können bestimmte Immunisierungsbedingungen, wie z.B. Bewältigungsmechanismen, viele verstärkende, positive Aktivitäten, Lebenserfahrungen oder Problemlösefertigkeiten, diesen Prozess aufhalten und eine Chronifizierung verhindern. (nach Hautzinger, 2000b, S. 14-16)
