Depression und Affektive Störungen
Theorie nach Lewinsohn
Lewinsohns Depressionsmodell, in der operanten Lerntheorie verwurzelt, beruht auf folgenden Grundannahmen:
• Eine geringe Rate verhaltenskontingenter Verstärkung wirkt auslösend für depressives Verhalten.
• Ein Depressiver ist insofern eine Person, der unter Löschungsbedingungen steht.
• Die Menge an positiver Verstärkung hängt von drei Einflußgrößen ab:
- Anzahl (gleichzeitig) verloren gegangener potentieller Verstärker. Dies ist z. B. der Fall, wenn man einen geliebten Menschen verliert, arbeitslos wird etc. (Leitfrage: Gibt es unbewältigte Verluste, aktuell oder früher?)
- Menge der zu einem bestimmten Zeitpunkt zur Verfügung stehenden restlichen Verstärker (Leitfrage: Gibt es derzeit neben den möglichen Verlusten noch befriedigende Erlebnisse, Tätigkeiten?)
- EXKURS: Oftmals reduzieren sich die positiven Verstärker auch eher„schleichend“ aus dem Leben der Betroffenen. Erst wenn es zu einer Krise kommt, wird dies deutlicher. D as Ausdünnen eines Verstärkers führt dabei zunächst ja eher zu löschungssresistenten Verhalten. Dies funktioniert aber nur bis zu einer gewissen Rate, dann lässt die Verhaltensquote nach (Kosten/Nutzen Abwägung des Betroffenen?). Ein Beispiel stellt die sog. „Verstärkererosion“ in der Partnerschaft dar. Der Anreiz in der Beziehung lässt mit der Zeit nach.
- individuelles Verhaltensrepertoire, um Verstärker zu erlangen (hier kann es z. B. Kompetenzprobleme geben, wie z. b. mangelnde Sozialkompetenz, somit keine soziale Verstärkung) Hobbys, Fertigkeiten zur Emotionsbewältigung und zum Problemlösen.
Die Reduktion der gewohnten positiven Verstärker führt zu einer Aktivitätsreduktion und dieses hat wiederum eine weitere Reduzierung von positiven Verstärkern zur Folge. Mit der Zeit kann auch die Kompetenz zur Erlangung von Verstänkern, mangels „Übung“, deutlich abnehmen. Eine „Abwärtsspirale“ wird ausgelöst.
Das depressive Verhalten wird zumindest kurzfristig auch durch kontingente soziale Zuwendung aufrechterhalten und positiv verstärkt. Wer klagt, erfährt Zuwendung. Diese soziale Verstärkung depressiver Symptome kann sich aber auch gegen den Depressiven wenden: Wer häufig klagt, wird irgendwann auch wieder gemieden. Er wird daraufhin umso häufiger klagen und in Folge davon wiederum noch mehr gemieden werden.
Ein Beispiel soll dies verdeutlichen (Senf & Broda, 2000): Für Frau K. waren die wesentlichen Verstärker soziale Zuwendung durch ihren Mann und zwei Freundinnen. Beide hatte sie im letzten halben Jahr vermisst. Unbefriedigend kamen die mit der Pubertät ihres Sohnes verbundenen Konflikte hinzu, denen sie aufgrund ihrer mangelnden sozialen Kompetenz nicht ausreichend gewachsen war. Kleinere Belohnungen wie spazieren gehen, telefonieren, bummeln gehen, Blumen kaufen usw. gönnte sie sich nicht, solange sie nicht ihre „Pflicht als Hausfrau“ beendet hatte.
EXKURS: Negative Verstärkung als aufrechterhaltender Faktor : Negative und aggressive Äußerungen werden, wenn sie öffentlich geäußert werden, oft bestraft. In der Konsequenz führt das dazu, dass dieses Verhalten verdeckt stattfindet (daher die negativen Gedanken). Hinzu kommt, dass depressive Äußerungen durch die Reaktion der Umwelt negativ verstärkt werden. Es ist bekannt, dass depressive Äußerungen von Frauen die Wahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens bei ihren Ehemännern und Kindern senkt. Umgekehrt wird durch aggressive Äußerungen der Familienmitglieder die Wahrscheinlichkeit depressiver Äußerungen von Müttern gesenkt. Die Partner kontrollieren sich hier gegenseitig durch negative Verstärkung. (vgl. Senf & Broda, 2000; http://www.verhalten.org/angewandte/depression.html)